ARTIKEL
10:
Dei Internationale Gemeinschaft
1. Die Menschenfamilie
2. Freier Handel
3. Frieden und Krieg
4. Waffen
5. Das Universelle Gemeinwohl
6. Transnationale und internationale Organisationen
7. Einwanderung
8. Auslandsschuld
9. Nationalismus und ethnische Spannungen
10. Die Globalwirtschaft
I. DIE MENSCHENFAMILIE
324. Nach der biblischen Offenbarung
hat Gott den Menschen-Mann und Frau-nach seinem Bilde, ihm ähnlich,
geschaffen. Dieses Band zwischen der menschlichen Person und dem
Schöpfer liefert die Grundlage ihrer Würde und unveräußerlichen
Grundrechte, die Gott verbürgt. Diesen persönlichen Rechten
entsprechen offenkundig Pflichten anderen gegenüber. Weder
der einzelne noch die Gesellschaft, weder der Staat noch irgendeine
menschliche Institution darf eine Person oder eine Gruppe von Personen
auf den Status einer Sache reduzieren. Genausosehr besteht die Offenbarung
auf der Einheit der Menschenfamilie: Alle in Gott geschaffenen Personen
sind desselben Ursprungs: Wie immer sie sich im Laufe der Geschichte
verstreut oder ihre Unterschiede sich ausgeprägt haben mögen,
sie sind dazu bestimmt, eine einzige Familie zu bilden nach Gottes
Plan "im Anfang". Paulus sprach zu den Athenern: "Er
hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen,
damit es die ganze Erde bewohne," und so kann jeder mit dem
Dichter sagen, er sei von Gottes "Art".
(Die Kirche und der Rassismus, Nr. 19-20)
325. Nach göttlichem Recht umfaßt
die Kirche alle Völker. Dies wird auch durch die Tatsache bestätigt,
daß sie überall auf Erden verbreitet ist und alle Völker
zu erfassen sich müht.
(Mater et Magistra, Nr. 178)
326. Das Bewußtsein von der
gemeinsamen Vaterschaft Gottes, von der Brüderlichkeit aller
Menschen in Christus, der Söhne im Sohn, von der Gegenwart
und dem lebenschaffenden Wirken des Heiligen Geistes wird dann unserem
Blick auf die Welt gleichsam einen neuen Maßstab zu ihrer
Interpretation verleihen. Jenseits der menschlichen und naturgegebenen
Bindungen, die schon so fest und eng sind, zeigt sich im Licht des
Glaubens ein neues Modell der Einheit des Menschengeschlechtes,
an dem sich die Solidarität in letzter Konsequenz inspirieren
muß.
(Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 40)

II. FREIER HANDEL
327. Noch immer gilt die Lehre Leos
XIII. in Rerum Novarum: das Einverständnis von Partnern, die
in zu ungleicher Situation sind, genügt nicht, um die Gerechtigkeit
eines Vertrages zu garantieren. Die Regel, wonach Verträge
durch das freie Einverständnis der Partner zustandekommen,
ist den Forderungen des Naturrechts untergeordnet. Was dort von
dem gerechten Lohn für den einzelnen Arbeiter gelehrt wird,
gilt ebenso für internationale Verträge: eine Verkehrswirtschaft
kann nicht mehr allein auf die Gesetze des freien und ungezügelten
Wettbewerbs gegründet sein, der nur zu oft zu einer Wirtschaftsdiktatur
führt. Der freie Austausch von Gütern ist nur dann recht
und billig, wenn er mit den Forderungen der sozialen Gerechtigkeit
übereinstimmt.
(Populorum Progressio, Nr. 59)
328. Es besteht die Notwendigkeit,
eine größere Gerechtigkeit in der Güterverteilung
zu errichten, sowohl innerhalb der nationalen Gemeinschaften als
auch auf internationaler Ebene. Es besteht die Notwendigkeit, in
internationalen Austäuschen die auf Gewalt gegründeten
Beziehungen zu überwinden, um zu Vereinbarungen zu gelangen,
die mit dem Interesse des Wohles aller erreicht werden. Beziehungen,
die auf Gewalt gegründet waren, haben tatsächlich nie
Gerechtigkeit in einer wahren und dauerhaften Weise errichtet, selbst
wenn zu gewissen Zeiten die Änderung von Positionen leichtere
Bedingungen für den Dialog ermöglichen. Die Gewaltanwendung
führt überdies dazu, gegensätzliche Gewalt in Bewegung
zu setzen, und daraus entspringt eine Athmosphäre des Kampfes,
die Situationen von extremer Gewalttätigkeit und Mißbräuchen
den Weg öffnet. Wir haben dagegen oft schon hervorgehoben,
daß es die wichtigste Pflicht der Gerechtigkeit ist, jedem
Land im Rahmen einer Zusammenarbeit, die frei ist von jeglichem
wirtschaftlichen und politischen Machtstreben, seine eigene Entwicklung
zu erlauben. Gewiß, die Komplexität der aufgeworfenen
Probleme ist in den gegenwärtigen Verflechtungen der Abhängigkeiten
groß. Ebenso gilt es, den Mut zu haben, eine Revision der
Beziehungen zwischen den Völkern vorzunehmen, wobei es um die
internationale Aufteilung der Produktion, um die Handelsstrukturen,
die Kontrolle des Gewinns und um das Währungssystem geht. Dabei
ist die Verwirklichung menschlicher Solidarität nicht zu vergessen,
die Wachstumsmodelle der reichen Nationen sind neu zu prüfen,
die Denkweise umzuformen, um sie für den Vorrang der internationalen
Verpflichtungen empfänglich zu machen; schließlich sollen
die internationalen Organisationen erneuert werden, um ihnen eine
größere Wirksamkeit zu verleihen.
(Octogesima Adveniens, Nr. 43)
329. Man darf hier nicht zweierlei
Maß anwenden. Was für die Volkswirtschaft gilt, was man
unter den hochentwickelten Ländern gelten läßt,
muß auch für die Handelsbeziehungen zwischen den reichen
und armen Ländern gelten. Ohne den freien Markt abzuschaffen,
sollte man doch den Wettbewerb in den Grenzen halten, die ihn gerecht
und sozial, also menschlich machen. Im Austausch zwischen entwickelten
und unterentwickelten Wirtschaften sind die Situationen zu verschieden
und die gegebenen Möglichkeiten zu ungleich. Die soziale Gerechtigkeit
fordert, daß der internationale Warenaustausch, um menschlich
und sittlich zu sein, zwischen Partnern geschehe, die wenigstens
eine gewisse Gleichheit der Chancen
haben. Diese ist sicher nicht schnell zu erreichen. Um sie zu beschleunigen,
sollte schon jetzt eine wirkliche Gleichheit im Gespräch und
in der Preisgestaltung geschaffen werden. Auch hier könnten
sich internationale Abkommen, an denen eine hinreichend große
Zahl von Staaten beteiligt sind, als nützlich erweisen; sie
könnten allgemeine Normen und gewisse Preise regeln, könnten
gewisse Produktionen sichern, gewisse sich im Aufbau befindliche
Industrien stützen. Wer sähe nicht, daß ein solch
gemeinsames Bemühen um eine größere Gerechtigkeit
in den Handelsbeziehungen zwischen den Völkern den Entwicklungsländern
positiv helfen würde, deren Auswirkungen nicht nur unmittelbar,
sondern auch dauerhaft sein würden?
(Populorum Progressio, Nr. 61)

III. FRIEDEN UND
KRIEG
330. Der Friede besteht nicht darin,
daß kein Krieg ist; er läßt sich auch nicht bloß
durch das Gleichgewicht entgegengesetzter Kräfte sichern; er
entspringt ferner nicht dem Machtgebot eines Starken; er heißt
vielmehr mit Recht und eigentlich ein Werk der Gerechtigkeit. Er
ist die Frucht der Ordnung, die ihr göttlicher Gründer
selbst in die menschliche Gesellschaft gelegt hat und die von den
Menschen durch stetes Streben nach immer vollkommenerer Gerechtigkeit
verwirklicht werden muß. Zwar wird das Gemeinwohl des Menschengeschlechts
grundlegend vom ewigen Gesetz Gottes bestimmt, aber in seinen konkreten
Anforderungen unterliegt es dem ständigen Wandel der Zeiten;
darum ist der Friede niemals endgültiger Besitz, sondern immer
wieder neu zu erfüllende Aufgabe. Da zudem der menschliche
Wille schwankend und von der Sünde verwundet ist, verlangt
die Sorge um den Frieden, daß jeder dauernd seine Leidenschaft
beherrscht und daß die rechtmäßige Obrigkeit wachsam
ist. Dies alles genügt noch nicht. Dieser Friede kann auf Erden
nicht erreicht werden ohne Sicherheit für das Wohl der Person
und ohne daß die Menschen frei und vertrauensvoll die Reichtümer
ihres Geistes und Herzens miteinander teilen. Der feste Wille, andere
Menschen und Völker und ihre Würde zu achten, gepaart
mit einsatzbereiter und tätiger Brüderlichkeit-das sind
unerläßliche Voraussetzungen für den Aufbau des
Friedens. So ist der Friede auch die Frucht der Liebe, die über
das hinausgeht, was die Gerechtigkeit zu leisten vermag. Der irdische
Friede, der seinen Ursprung in der Liebe zum Nächsten hat,
ist aber auch Abbild und Wirkung des Friedens, den Christus gebracht
hat und der von Gott dem Vater ausgeht. Dieser menschgewordene Sohn,
der Friedensfürst, hat nämlich durch sein Kreuz alle Menschen
mit Gott versöhnt und die Einheit aller in einem Volk und in
einem Leib wiederhergestellt. Er hat den Haß an seinem eigenen
Leib getötet, und durch seine Auferstehung erhöht, hat
er den Geist der Liebe in die Herzen der Menschen ausgegossen. Das
ist ein eindringlicher Aufruf an alle Christen: die Wahrheit in
Liebe zu tun und sich mit allen wahrhaft friedliebenden Menschen
zu vereinen, um den Frieden zu erbeten und aufzubauen. Vom gleichen
Geist bewegt, können wir denen unsere Anerkennung nicht versagen,
die bei der Wahrung ihrer Rechte darauf verzichten, Gewalt anzuwenden,
sich vielmehr auf Verteidigungsmittel beschränken, so wie sie
auch den Schwächeren zur Verfügung stehen, vorausgesetzt,
daß dies ohne Verletzung der Rechte und Pflichten anderer
oder der Gemeinschaft möglich ist.
(Gaudium et Spes, Nr. 78)
331. Damit das Menschenleben geachtet
wird und sich entfalten kann, muß Friede sein. Friede besteht
nicht einfach darin, daß kein Krieg ist; er läßt
sich nicht bloß durch das Gleichgewicht der feindlichen Kräfte
sichern. Friede auf Erden herrscht nur dann, wenn die persönlichen
Güter gesichert sind, die Menschen frei miteinander verkehren
können, die Würde der Personen und der Völker geachtet
und die Brüderlichkeit unter den Menschen gepflegt wird. Der
Friede besteht in der "Ruhe der Ordnung" (Hl. Augustinus,
De civ. Dei, IX, 13, 1). Er ist das Werk der Gerechtigkeit und die
Wirkung der Liebe.
(KKK, Nr. 2304)
332. Ungerechtigkeiten, krasse Unterschiede in wirtschaftlicher
und sozialer Hinsicht sowie Neid, Mißtrauen und Stolz, die
unter den Menschen und den Nationen wüten, bedrohen unablässig
den Frieden und führen zu Kriegen. Alles, was unternommen wird,
um diese Übel zu besiegen, trägt zum Aufbau des Friedens
und zur Vermeidung des Krieges bei: "Insofern die Menschen
Sünder sind, droht ihnen die Gefahr des Krieges, und sie wird
ihnen drohen bis zur Ankunft Christi. Soweit aber die Menschen sich
in Liebe vereinen und so die Sünde überwinden, überwinden
sie auch die Gewaltsamkeit, bis sich einmal die Worte erfüllen:
'Zu Pflügen schmieden sie ihre Schwerter um, zu Winzermessern
ihre Lanzen. Kein Volk zückt mehr gegen das andere das Schwert.
Das Kriegshandwerk gibt es nicht mehr'" (GS, Nr. 78; vgl. Jes
2, 4).
(KKK, Nr. 2317)
333. Die Zivilbevölkerung, die
verwundeten Soldaten und die Kriegsgefangenen sind zu achten und
mit Menschlichkeit zu behandeln. Handlungen, die mit Wissen und
Willen gegen das Völkerrecht und seine allgemeingültigen
Grundsätze verübt werden, sowie Befehle, solche Handlungen
auszuführen, sind Verbrechen. Blinder Gehorsam ist kein ausreichender
Entschuldigungsgrund für jene, die sich solchen Befehlen fügen.
So ist die Ausrottung eines Volkes, einer Nation oder einer ethnischen
Minderheit als eine Todsünde zu verurteilen. Man ist sittlich
verpflichet, sich Befehlen, die einen Völkermord anordnen,
zu widersetzen.
(KKK, Nr. 2313)

IV. WAFFEN
334. Anderseits sehen Wir nicht ohne
großen Schmerz, daß in den wirtschaftlich gut entwickelten
Staaten ungeheuere Kriegsrüstungen geschaffen wurden und noch
geschaffen werden und daß dafür die größten
geistigen und materiellen Güter aufgewendet werden. So kommt
es, daß die Bürger dieser Nationen keine geringen Lasten
zu tragen haben und andere Staaten, die sich wirtschaftlich und
sozial entwickeln sollten, der notwendigen Hilfeleistungen entbehren.
(Pacem in Terris, Nr. 109)
335. "Ich war hungrig, und ihr
habt mir nichts zu essen gegeben; ... ich war nackt, und ihr habt
mich nicht bekleidet; ich war ... im Gefängnis, und ihr habt
mich nicht besucht" (Mt 25, 42). Diese Worte erhalten eine
noch eindringlichere Mahnung, wenn wir daran denken, daß anstelle
von Brot und kultureller Hilfe den neuen Staaten und Nationen, die
zur Unabhängigkeit erwachen, mitunter große Mengen von
modernen Waffen und Zerstörungsmitteln angeboten werden, die
bewaffneten Auseinandersetzungen und Kriegen dienen sollen, welche
in diesen Ländern nicht so sehr für die Verteidigung ihrer
legitimen Rechte oder ihrer Souveränität notwendig sind,
sondern vielmehr eine Form des Chauvinismus, des Imperialismus,
des Neokolonialismus verschiedenster Art darstellen.
(Redemptor Hominis, Nr. 16)
336. Die Lehre der katholischen Kirche
ist also klar und konsequent. Sie bedauert den Rüstungswettlauf,
sie fordert als das mindeste einen fortschreitenden gegenseitigen
und kontrollierbaren Abbau sowie größte Vorsichtsmaßnahmen
gegen mögliche Fehler bei der Anwendung von Kernwaffen. Zugleich
beansprucht die Kirche für jede Nation die Beachtung der Unabhängigkeit,
der Freiheit und der berechtigten Sicherheit.
(Botschaft an die 2. außerordentliche Abrüstungskonferenz
der Vereinten Nationen, Nr. 5)
337. Ein irrsinniger Rüstungswettlauf
verschlingt die Mittel, die nötig wären, um eine Entwicklung
der eigenen Wirtschaft zu sichern und den am meisten benachteiligten
Nationen zu helfen. Der wissenschaftliche und technologische Fortschritt,
der zum Wohlergehen des Menschen beitragen sollte, wird zum Instrument
für den Krieg. Man gebraucht Wissenschaft und Technik, um immer
vollkommenere Waffen zur Massenvernichtung zu produzieren.
(Centesimus Annus, Nr. 18)

V. DAS UNIVERSELLE
GEMEINWOHL
338. Die gegenseitige Abhängigkeit
der Menschen wächst und erstreckt sich allmählich über
die ganze Erde. Die Einheit der Menschheitsfamilie, welche Menschen
gleicher natürlicher Würde vereint, setzt ein weltweites
Gemeinwohl voraus. Dieses erfordert eine Gliederung der Völkergemeinschaft,
die imstande ist, "den verschiedenen Bedürfnissen der
Menschen nach Kräften Rechnung zu tragen, und zwar sowohl in
den Bereichen des sozialen Lebens, z. B. Ernährung, Gesundheit,
Erziehung ... als auch in besonderen Situationen, die hier und dort
entstehen können, etwas ... durch Flüchtlingshilfe und
Unterstützung Heimatloser und ihrer Familien" (GS, Nr.
84).
(KKK, Nr. 1911)
339. Wie das Gemeinwohl der einzelnen
Staaten nicht bestimmt
werden kann ohne Rücksicht auf die menschliche Person, so auch
nicht das universale Gemeinwohl aller Staaten zusammen. Deshalb
muß die universale politische Gewalt ganz besonders darauf
achten, daß die Rechte der menschlichen Person anerkannt werden
und ihnen die geschuldete Ehre zuteil wird, daß sie unverletzlich
sind und wirksam gefördert werden. Das kann sie entweder unmittelbar
aus sich tun, sofern es der einzelne Fall erheischt, oder durch
Schaffung von solchen Lebensbedingungen auf der ganzen Welt, mit
deren Hilfe die Lenker der Einzelstaaten leichter ihre Aufgabe zu
erfüllen instand gesetzt werden.
(Pacem in Terris, Nr. 139)

VI. TRANSNATIONALE
UND INTERNATIONALE ORGANISATIONEN
340. Es ist daher zu wünschen, die Vereinten Nationen möchten
ihre Organisation und ihre Mittel immer mehr der Weite und dem hohen
Rang ihrer Aufgaben anzupassen imstande sein, damit bald die Zeit
komme, in der diese Vereinigung die Rechte der menschlichen Person
wirksam schützen kann; Rechte, die deswegen allgemein, unverletzlich
und unveränderlich sind, weil sie unmittelbar aus der Würde
der menschlichen Person entspringen. Und das um so mehr, weil die
Menschen gegenwärtig in ihrer Nation mehr an der Gestaltung
des öffentlichen Lebens teilhaben, mit lebhafterem Interesse
die Anliegen aller Völker ununterbrochen verfolgen und sich
immer mehr bewußt sind, daß sie als lebendige Glieder
zur allgemeinen Menschenheitsfamilie gehören.
(Pacem in Terris, Nr. 145)
341. Diese internationale Zusammenarbeit
auf Weltebene braucht Institutionen, die sie vorbereiten, aufeinander
abstimmen, leiten, bis eine Rechtsordnung geschaffen wird, die allgemein
anerkannt ist. Von ganzem Herzen ermutigen Wir die Organisationen,
die bisher schon das Werk der kulturellen Entwicklung der Völker
in die Hand genommen haben, und Wir wünschen, daß ihre
Autorität wachse.
(Populorum Progressio, Nr. 78)
342. Der wissenschaftliche und technische
Fortschritt hat in jüngster Zeit die zwischenstaatlichen Beziehungen
in allen Bereichen des menschlichen Zusammenlebens verstärkt;
dadurch wird die wechselseitige Abhängigkeit der Völker
immer größer. Jedes Problem von einiger Bedeutung, stelle
es sich nun auf dem Gebiet der Wissenschaft, der Technik, der Wirtschaft
und Gesellschaft, der Politik oder der Kultur, übersteigt darum
sehr oft die Möglichkeiten eines einzelnen Landes. Es steht
oft in internationalen, ja weltweiten Zusammenhängen. Die einzelnen
Länder, selbst wenn sie sich durch ihre Kultur, durch die Zahl
und den Fleiß ihrer Bewohner, durch ihre fortgeschrittene
Wirtschaft, durch die Werte und den Reichtum ihres Gebietes auszeichnen,
können auf sich allein gestellt ihre eigenen Probleme nicht
sachgerecht lösen. Die einzelnen Länder sind darauf angewiesen,
sich gegenseitig auszuhelfen und zu ergänzen; so können
sie ihr eigenes Wohl nur wahren, wenn sie zugleich auf das Wohl
anderer Länder Bedacht nehmen. Darum sind Einvernehmen und
Zusammenarbeit dringend geboten.
(Mater et Magistra, Nr. 200-202)
343. Man muß aber noch weiter
gehen. Als Wir anläßlich des Eucharistischen Weltkongresses
in Bombay weilten, forderten Wir die obersten Lenker der Staaten
auf, sie möchten einen Teil der Beträge, die sie für
Rüstungszwecke ausgeben, zur Schaffung eines Weltfonds verwenden,
um so den notleidenden Völkern zu helfen (Paul VI., Botschaft
an die Welt, den Journalisten anvertraut). Was für den unmittelbaren
Kampf gegen das Elend gilt, hat seine Bedeutung auch für die
Entwicklungshilfe. Nur eine weltweite Zusammenarbeit, für die
der gemeinsame Fonds Symbol und Mittel wäre, würde es
erlauben, unfruchtbare Rivalitäten zu überwinden und ein
fruchtbares und friedliches Gespräch unter den Völkern
in Gang zu bringen.
(Populorum Progressio, Nr. 51)

VII. EINWANDERUNG
344. Da Wir, von Gott selbst bewegt,
gegenüber allen Menschen die Gesinnung väterlicher Liebe
hegen, betrachten Wir mit großem Schmerz das Los derer, die
aus politischen Gründen aus ihrer Heimat vertrieben wurden.
Viele und unglaubliche Leiden begleiten ja ständig die große,
in unserer Zeit wahrlich ungezählte Menge dieser Flüchtlinge.
Diese Erscheinung zeigt, daß die Regierungen gewisser Nationen
die Grenzen der gehörigen Freiheit allzusehr einengen, in deren
Bereich es den einzelnen gestattet sein soll, ein menschenwürdiges
Leben zu führen. In solchen Staaten wird zuweilen sogar das
Recht auf Freiheit selbst in Frage gestellt oder auch ganz aufgehoben.
Wenn dies geschieht, wird die rechte Ordnung der bürgerlichen
Gesellschaft völlig umgestürzt; denn die Staatsgewalt
ist ihrer Natur nach zum Schutz des Wohles der Gemeinschaft bestimmt.
Ihre erste Aufgabe besteht darin, den Raum der Freiheit anzuerkennen
und ihre Rechte in vollem Umfang zu sichern.
(Pacem in Terris, Nr. 103-104)
345. Der amerikanische Kontinent
hat in seiner Geschichte etliche Einwanderungsbewegungen erlebt,
die eine große Anzahl von Männern und Frauen in die verschiedenen
Landesteile gebracht haben mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Dieses Phänomen setzt sich auch heute noch fort und betrifft
ganz konkret zahlreiche Personen und Familien, die aus den lateinamerikanischen
Ländern des Kontinents kommen, sich in nördlichen Regionen
niedergelassen haben und in einigen Fällen dort einen beträchtlichen
Bevölkerungsanteil bilden. Sehr oft bringen sie ein kulturelles
und religiöses Erbe mit, das sehr reich an bedeutenden christlichen
Elementen ist. Die Kirche ist sich der aus dieser Situation entstandenen
Probleme bewußt und bemüht sich, eine echte Seelsorge
für diese Einwanderer zu entfalten, um so ihre Ansiedlung in
den jeweiligen Gebieten zu fördern und gleichzeitig die Aufnahmebereitschaft
seitens der dort bereits ansässigen Volksgruppen anzuregen,
in der Überzeugung, daß das jeweilige Sich Öffnen
dem anderen gegenüber eine Bereicherung für alle sein
wird.
Die kirchlichen Gemeinschaften sollten in diesem Phänomen einen
besonderen Ruf sehen, die Brüderlichkeit im Geiste des Evangeliums
als einen Wert zu leben, und sie sollten es gleichzeitig als eine
Einladung betrachten, der eigenen Religiösität einen neuen
Impuls zu verleihen, so daß auch die eigene Evangelisierungstätigkeit
noch bewußter und entschiedener vonstatten geht. In diesem
Sinne meinen die Synodenväter, daß die Kirche in Amerika
die wachsame Anwältin sein muß, die gegen alle ungerechten
Beschränkungen das natürliche Recht einer jeden Person
schützt, sich frei innerhalb des eigenen Landes und von einem
Land zum anderen zu bewegen. Man muß auf die Rechte der Einwanderer
und ihrer Familien ebenso achten wie darauf, daß ihre Menschenwürde
gewahrt bleibt, was auch im Falle der illegalen Einwanderung gilt.
Hinsichtlich der Einwanderer bedarf es eines Geistes der Gastfreundschaft
und der Aufnahmebereitschaft, wodurch sie ermutigt werden, sich
in das kirchliche Leben zu integrieren, ohne dabei ihre eigene Freiheit
und ihre besondere kulturelle Identität aufgeben zu müssen.
Hierfür ist es sehr wichtig, daß die Herkunftsdiözesen
mit den Diözesen zusammenarbeiten, in denen sich die Einwanderer
niedergelassen haben. Auch diesbezüglich ist innerhalb der
durch die Gesetzgebung vorgesehenen und in der kirchlichen Praxis
üblichen spezifischen pastoralen Strukturen vorzugehen. Auf
diese Weise wird eine möglichst adäquate und umfassende
Seelsorge sichergestellt. Die ständige Sorge für eine
wirksame Evangelisierung der Menschen, die erst vor kurzer Zeit
eingereist sind und Christus noch nicht kennen, muß für
die Kirche stets ein Impuls sein.
(Ecclesia in America, Nr. 65)
346. Aus bitterer Erfahrung wissen
wir also, daß die Angst vor der "Verschiedenheit"-besonders
wenn sie sich durch einen engen und ausschließenden, dem "anderen"
jedes Recht verweigernden Nationalismus ausdrückt-so weit führen
kann, daß sie zu einer wahren Schreckensgestalt der Gewalt
und des Terrors wird. Und doch, wenn wir uns bemühen, die Dinge
objektiv zu werten, können wir sehen, daß es jenseits
aller Verschiedenheiten, die die einzelnen Menschen und die Völker
unterscheiden, eine grundlegende Gemeinsamkeit gibt, weil ja die
verschiedenen Kulturen in Wirklichkeit nichts anderes als verschiedene
Weisen sind, an die Frage über den Sinn des persönlichen
Daseins heranzugehen. Und gerade hier können wir eine der Quellen
feststellen, aus denen die Achtung entspringt, die jeder Kultur
und jeder Nation gebührt.
(Ansprache zur fünfzigsten Generalversammlung der UNO, 1995,
Nr. 9)

VIII. AUSLANDSSCHULD
347. Die Auslandsverschuldung, die
viele Völker des amerikanischen Kontinents zu ersticken scheint,
ist ein sehr umfangreiches Problem.
Wenn hier auch nicht auf die zahlreichen Aspekte eingegangen werden
kann, so darf die Kirche in ihrer Seelsorge dieses Problem doch
nicht ignorieren, da es das Leben so vieler Menschen betrifft. Daher
haben auch etliche Bischofskonferenzen in Amerika im
Bewußtsein der Tragweite dieses Problems diesbezüglich
Studientagungen organisiert und Dokumente bezüglich einer effektiven
Lösung desselben veröffentlicht. Auch ich habe meine Sorge
über diese in vielen Fällen unhaltbare Situation schon
des öfteren zum Ausdruck gebracht. Im Hinblick auf das bevorstehende
Große Jubiläum des Jahres 2000 und in Erinnerung an den
sozialen Sinn, den diese Jubeljahre im Alten Testament hatten, schrieb
ich: "So werden sich im Geist des Buches Leviticus (25, 8-12)
die Christen zur Stimme aller Armen der Welt machen müssen,
indem sie das Jubeljahr als eine passende Zeit hinstellen, um unter
anderem an eine Überprüfung, wenn nicht überhaupt
an einen erheblichen Erlaß der internationalen Schulden zu
denken, die auf dem Geschick vieler Nationen lasten" (TMA,
Nr. 36).
So wiederhole ich meinen Wunsch, den sich auch die Synodenväter
zu eigen gemacht haben, daß der Päpstliche Rat für
Gerechtigkeit und Frieden zusammen mit anderen zuständigen
Organisationen, wie zum Beispiel die Abteilung für die Beziehungen
zu den Staaten innerhalb des Staatssekretariats, durch Nachforschung
und Dialog zusammen mit Vertretern der Ersten Welt und Verantwortlichen
der Weltbank und des internationalen Währungsfonds nach Lösungswegen
zur Behebung des Problems der Auslandsverschuldung und nach Normen
zur Verhinderung einer solchen Situation im Falle von zukünftigen
Auslandskrediten sucht. Es wäre auch angebracht, daß
auf möglichst breiter Ebene Wirtschafts- und Währungsexperten
von internationalem Ruf eine kritische Analyse der Weltwirtschaftsordnung
in ihren positiven und negativen Aspekten erstellen, so daß
die aktuelle Ordnung korrigiert wird und man ein System und leistungsfähige
Mechanismen zur Förderung einer ganzheitlichen und solidarischen
Entwicklung der Menschen und Völker vorlegt.
(Ecclesia in America, Nr. 59)
348. Im Bemühen um Gerechtigkeit in einer von sozialer und
wirtschaftlicher Ungleichheit gekennzeichneten Welt kann die Kirche
die schwere Last vieler asiatischer Entwicklungsländer und
die sich daraus ergebenden gegenwärtigen und zukünftigen
Konsequenzen nicht ignorieren. In vielen Fällen sind diese
Länder gezwungen, die Ausgaben für lebensnotwendige Anforderungen
wie Nahrung, Gesundheitsfürsorge, Wohnungs- und Siedlungswesen
oder Bildung zu kürzen, um ihre Schulden bei internationalen
Währungsfonds und Banken abzutragen. Das bedeutet, daß
zahlreiche Personen zu Lebensbedingungen verurteilt sind, die die
Würde des Menschen verletzen.
(Ecclesia in Asia, Nr. 40)
349. Die Synodenväter haben
ihrer Sorge über die Auslandsschulden Ausdruck verliehen, die
viele Länder in Amerika belasten. Das kommt einer Solidaritätsbekundung
mit diesen Ländern gleich. Sie lenken zu Recht die Aufmerksamkeit
der öffentlichen Meinung auf die Komplexität dieses Themas
und anerkennen, daß diese Schulden häufig das Ergebnis
von Korruption und schlechter Verwaltung sind. Es entspricht nicht
dem Geist synodaler Reflexion, durch diese Erkenntnis die gesamte
Verantwortung eines Phänomens auf einen einzigen Pol konzentrieren
zu wollen, welches von seinem Ursprung her und auch, was seine Lösung
anbelangt, äußerst komplex ist.
In der Tat zählen zu den vielseitigen Gründen, die zu
einer so hohen Auslandsverschuldung geführt haben, nicht nur
die hohen Zinsen, die Folge einer spekulativen Finanzpolitik, sondern
auch die Verantwortungslosigkeit einiger Regierungspolitiker, die
bei der Aufnahme der Schulden nicht genügend über die
reellen Möglichkeiten der Rückzahlung nachgedacht haben.
Erschwerend kommt noch hinzu, daß aus internationalen Geldanleihen
stammende ungeheure Summen manchmal zur persönlichen Bereicherung
einiger Personen statt zur Förderung der für die Entwicklung
des Landes notwendigen Veränderungen dienten. Es wäre
aber ungerecht, daß diese unverantwortlichen Entscheidungen
auf denen lasten, die sie nicht getroffen haben. Der Ernst der Situation
wird noch verständlicher, wenn man in Betracht zieht, daß
schon allein die Abzahlung der Zinsen die Wirtschaft der armen Länder
stark belastet und den Staaten dadurch das für die soziale
Entwicklung, für das Bildungs- und Gesundheitswesen und das
für die Schaffung von Arbeitsplätzen notwendige Geld fehlt.
(Ecclesia in America, Nr. 22)

IX. NATIONALISMUS
UND ETHNISCHE SPANNUNGEN
350. Noch andere Hindernisse stellen
sich dem Aufbau einer gerechteren und nach dem Prinzip der wechselseitigen
Solidarität geordneten menschlichen Gesellschaft heute entgegen:
der Nationalismus und der Rassenwahn. Es ist verständlich,
daß die Völker, die erst jüngst ihre politische
Unabhängigkeit erlangt haben, eifersüchtig auf ihre noch
zerbrechliche nationale Einheit bedacht sind und sich bemühen,
sie zu schützen. Es ist ebenfalls normal, daß die Völker
einer alten Kultur stolz sind auf das Erbe, das ihnen die Geschichte
überliefert hat Aber diese berechtigten Gefühle müssen
doch überhöht werden durch eine Liebe, die alle Glieder
der Menschenheits-
familie umfaßt. Der Nationalismus trennt die Völker voneinander
und schadet ihrem wahren Wohl. Er wirkt sich dort besonders schädlich
aus, wo die Schwäche der Volkswirtschaften vielmehr die Gemeinsamkeit
von Anstrengungen, Erkenntnissen und finanziellen Mitteln fordert,
um die Entwicklungsprogramme zu verwirklichen und den wirtschaftlichen
und kulturellen Austausch zu fördern.
(Populorum Progressio, Nr. 62)
351. Das erste Prinzip ist die unveräußerliche Würde
jeder menschlichen Person, ohne Unterschiede gleich welcher rassischen,
ethnischen, kulturellen und nationalen Herkunft oder welchen religiösen
Bekenntnisses; keine Person existiert für sich allein, sondern
findet ihre vollere Identität erst in der Beziehung zu den
anderen, zu Personen oder Gruppen. Dasselbe kann man auch von Gruppen
von Menschen sagen.
(Botschaft zum Weltfriedenstag, 1989, Nr. 3)
352. Auch heute bleibt noch viel
zu tun, um die religiöse Intoleranz zu überwinden, die
in verschiedenen Teilen der Welt aufs engste mit der Unterdrückung
von Minderheiten verbunden ist. Wir sind leider Zeugen von Versuchen,
anderen entweder direkt, mit Hilfe einer Proselytenmacherei, die
sich der Mittel tatsächlicher Nötigung bedient, oder durch
die Verweigerung gewisser gesellschaftlicher oder politischer Rechte
eine bestimmte religiöse Idee aufzuzwingen.... Die Intoleranz
kann auch das Ergebnis eines gewissen Fundamentalismus' sein, der
eine wiederkehrende Versuchung darstellt. Er kann leicht zu schwerwiegenden
Gesetzwidrigkeiten wie zur radikalen Unterdrückung jeder öffentlichen
Äußerung von Andersartigkeit führen, oder sogar
überhaupt zur Verwehrung, sich frei zu äußern. Auch
der Fundamentalismus kann zur Ausschließung des anderen vom
gesellschaftlichen Leben führen.
(Botschaft zum Weltfriedenstag, 1991, Nr. 4)
353. Der Rassenwahn ist keineswegs
eine Eigenart der jüngst erst zur politischen Selbständigkeit
gelangten Völker, wo er sich unter den Rivalitäten der
Stammesverbände und der politischen Parteien verbirgt, zum
großen Schaden der Gerechtigkeit und zur Gefahr für den
inneren Frieden. Während der Kolonialzeit wütete er oft
zwischen den Kolonisatoren und den Eingeborenen. Er verhinderte
so ein fruchtbares gegenseitiges Verständnis und ließ
als Folge vieler Ungerechtigkeiten bittere Abneigung entstehen.
Und noch immer verhindert er die Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsländern;
er ist ein Ferment der Trennung und des Hasses inmitten der Staaten,
wenn sich unter Mißachtung der unaufgebbaren Rechte der menschlichen
Person, die einzelnen und die Familien ihrer Rasse oder Hautfarbe
wegen ungerecht einer Ausnahmeregelung unterworfen sehen.
(Populorum Progressio, Nr. 63)
354. Wenn die Kirche in Amerika,
die dem Evangelium Christi treu ist, den Weg der Solidarität
zu gehen wünscht, muß sie auch in ganz besonderer Weise
jene ethnischen Bevölkerungsgruppen in Betracht ziehen, die
heutzutage immer noch Objekt ungerechter Diskriminierung sind. In
der Tat ist jeglicher Versuch, die einheimischen Bevölkerungsgruppen
zu Randgruppen zu machen, in der Wurzel zu ersticken. Das beinhaltet
aber auch in erster Linie, daß man ihr Land und die mit ihnen
abgeschlossenen Verträge zu respektieren hat. Ebenso muß
man sich ihrer legitimen sozialen, gesundheitlichen und kulturellen
Bedürfnisse annehmen. Wie könnte man etwa die Notwendigkeit
der Versöhnung zwischen den einheimischen Bevölkerungsgruppen
und der Gesellschaft der jeweiligen Länder, in denen sie jetzt
leben, einfach vergessen?
(Ecclesia in America, Nr. 64)
355. Rassismus und rassistisches
Handeln müssen verurteilt werden. Die Anwendung legislativer,
disziplinärer und administrativer Maßnahmen oder auch
angemessener äußerer Druck können zur rechten Zeit
geboten sein. Länder und internationale Organisationen verfügen
über eine ganze Skala von zu ergreifenden oder zu fördernden
Initiativen. Auch die Verantwortung der betroffenen Bürger
ist gefragt, doch dürfen sie dabei nicht so weit gehen, daß
an die Stelle einer ungerechten Situation gewaltsam eine andere
Ungerechtigkeit gesetzt wird. Immer geht es um konstruktive Lösungen.
(Die Kirche und der Rassismus, Nr. 33)
356. Die Laien, die ihrer besonderen
Berufung gemäß ihren Platz mitten in der Welt haben und
die verschiedensten zeitlichen Aufgaben erfüllen, müssen
darin eine besondere Form der Evangelisierung vollziehen.... Das
eigentliche Feld ihrer evangelisierenden Tätigkeit ist die
weite und schwierige Welt der Politik, des Sozialen und der Wirtschaft,
aber auch der Kultur, der Wissenschaften und Künste, des internationalen
Lebens und der Massenmedien, ebenso gewisse Wirklichkeiten, die
der Evangelisierung offenstehen, wie Liebe, Familie, Kinder- und
Jugenderziehung, Berufsarbeit, Leiden, usw.
(Evangelii Nuntiandi, Nr. 70)

X. DIE GLOBALWIRTSCHAFT
357. Ein Merkmal der heutigen Welt
ist die Tendenz zur Globalisierung, einem Phänomen, das, wenn
es auch nicht ein ausschließlich amerikanisches ist, doch
eher in Amerika zu finden ist und dort größere Auswirkungen
hat. Es handelt sich dabei um einen Prozeß, der sich aufgrund
der größeren weltweiten Kommunikationsmöglichkeiten
immer mehr durchsetzt und praktisch zur Überwindung der Entfernung
führt, was in den verschiedensten Bereichen deutliche Auswirkungen
hat.
Vom ethischen Standpunkt aus kann dies sowohl positiv als auch negativ
gewertet werden. Tatsache ist, daß wir es mit einer wirtschaftlichen
Globalisierung zu tun haben, die z. B. mit der Förderung der
Leistungsfähigkeit und Produktionssteigerungen verschiedene
positive Folgen mit sich bringt, und die mit der Entwicklung der
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen Ländern den
Prozeß der Einheit unter den Völkern verstärkt sowie
den Dienst an der Menschheitsfamilie verbessern kann. Doch wenn
sich die Globalisierung lediglich nach den Marktgesetzen richtet,
die zum Vorteil der Mächtigen angewandt werden, wird sie negative
Konsequenzen haben, wie z. B. die, daß der Wirtschaft ein
absoluter Wert beigemessen wird. Weitere negative Folgen sind die
Arbeitslosigkeit, die Verringerung und Verschlechterung der öffentlichen
Daseinsvorsorge, die Zerstörung der Umwelt und der Natur, die
wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und der ungerechte Wettbewerb,
der die armen Länder in eine immer gravierendere Situation
der Minderwertigkeit stürzt. Obschon die Kirche die positiven
Werte anerkennt, welche die Globalisierung mit sich bringt, schaut
sie doch auch beunruhigt auf die sich daraus ergebenden negativen
Aspekte.
(Ecclesia in America, Nr. 20)
358. Um zu einer echten weltumfassenden
Wirtschaftsordnung zu kommen, muß auf übertriebenes Gewinnstreben,
nationales Prestige, politische Herrschsucht, militaristische Überlegungen
und Machenschaften zur zwangsweisen Verbreitung von Ideologien verzichtet
werden.
(Gaudium et Spes, Nr. 85)
359. Das komplexe Phänomen den
Globalisierung ist, wie ich zuvor erwähnt hatte, eines der
Charakteristika der heutigen Welt, das besonders in Amerika zutage
tritt. Innerhalb dieser vielschichtigen Realität hat der wirtschaftliche
Aspekt eine ganz besondere Bedeutung. Die Kirche bietet durch ihre
Soziallehre einen wertvollen Beitrag zur Problematik, welche durch
die derzeitige wirtschaftliche Globalisierung entsteht. Ihre moralische
Sichtweise in diesen Angelegenheiten stützt sich auf die drei
grundlegenden Ecksteine der Menschenwürde, der Solidarität
und des Subsidiaritätsprinzips. Die wirtschaftliche Globalisierung
muß im Lichte der Grundsätze der sozialen Gerechtigkeit
analysiert werden, wobei die vorrangige
Option für die Armen zu achten ist, da diese befähigt
werden sollen, sich in einer globalisierten Wirtschaft und angesichts
der Ansprüche des internationalen Gemeinwohls zu schützen.
In Wirklichkeit ist die kirchliche Soziallehre die moralische Vision,
die versucht, die Regierungen, die Institutionen und Privatorganisationen
zu unterstützen, damit sie an einer Zukunft arbeiten, die mit
der Würde einer jeden Person in Einklang steht. Aus diesen
Sichtweisen heraus können die Fragen hinsichtlich der Auslandsverschuldung
der Länder, der internen politischen Korruption und der Diskriminierung
innerhalb des eigenen Landes und auf internationaler Ebene bewertet
werden.
Die Kirche in Amerika ist nicht nur dazu berufen, einen höheren
Grad an Integration innerhalb der Länder zu fördern und
so dazu beizutragen, eine wahre Kultur der globalisierten Solidarität
zu schaffen, sondern sich auch mit legitimen Mitteln für die
Verringerung der negativen Auswirkungen der Globalisierung einzusetzen,
wie zum Beispiel der Herrschaft der Stärkeren über die
Schwächeren, besonders im wirtschaftlichen Bereich, oder des
Werteverlustes der einheimischen Kulturen zugunsten einer falsch
verstandenen Vereinheitlichung.
(Ecclesia in America, Nr. 55)
360. Sosehr sich die Weltgesellschaft
in mancher Beziehung gespalten zeigt, wie jene bekannten Ausdrücke
einer Ersten, Zweiten, Dritten und Vierten Welt es dartun, bleibt
doch die wechselseitige Abhängigkeit dieser Welten stets sehr
eng. Klammert man von dieser Abhängigkeit die ethischen Forderungen
aus, so führt das gerade für die Schwächsten zu traurigen
Konsequenzen. Die gegenseitige Abhängigkeit ruft durch eine
Art von innerer Dynamik und unter dem Druck von Mechanismen, die
man geradezu als entartet bezeichnen muß, sogar in den reichen
Ländern negative Wirkungen hervor. Im Innern dieser Länder
findet man, wenn auch in geringerem
Umfang, sehr ausgeprägte Formen von Unterentwicklung. Darum
sollte es unbestritten sein, daß die Entwicklung entweder
allen Teilen der Welt gemeinsam zugute kommt oder einen Prozeß
der Rezession auch in jenen Gegenden erleidet, die bisher einen
ständigen Fortschritt zu verzeichnen hatten. Diese Tatsache
ist besonders aufschlußreich für das Wesen echter Entwicklung:
entweder nehmen alle Nationen der Welt daran teil, oder sie ist
tatsächlich nicht echt.
(Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 17)
361. Seitdem sich aber die Lage in
den Schuldnerländern ebenso wie auf dem internationalen Finanzmarkt
geändert hat, hat sich das Instrument, das bestimmt war, die
Entwicklung voranzutreiben, in einen Mechanismus verwandelt, der
das Gegenteil bewirkt: sei es, weil die Schuldnerländer, um
dem Schuldendienst nachzukommen, sich verpflichtet sehen, Kapitalien
auszuführen, die notwendig wären, um ihren Lebensstandard
zu heben oder wenigstens zu halten, sei es, weil sie aus demselben
Grund keine neuen Kredite erhalten können.
(Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 19)
362. Ein weiterer wichtiger Bereich,
in dem die Kirche in ganz Amerika präsent ist, ist die Caritas
und das Sozialwesen. Die vielfältigen Initiativen zur Betreuung
von alten, kranken und hilfsbedürftigen Menschen in Altenheimen,
Krankenhäusern, ambulanten Krankenstationen, kostenlosen Essensausgaben
und anderen Sozialeinrichtungen sind ein greifbares Zeugnis der
besonderen Liebe zu den Armen, welches die Kirche in Amerika aus
Liebe zu ihrem Herrn ablegt in dem Bewußtsein, daß "Jesus
sich mit ihnen identifiziert hat" (vgl. Mt 25, 31-46). Bei
dieser Aufgabe, die keine Grenzen kennt, verstand es die Kirche,
ein Bewußtsein für konkrete Solidarität zwischen
den verschiedenen Gemeinschaften des Kontinents sowie auf weltweiter
Ebene zu schaffen. Auf diese Weise manifestierte sie ihre Brüderlichkeit,
welche die Christen überall und immer auszeichnen muß.
Der Dienst an den Armen muß, um dem Evangelium zu entsprechen
und um eine evangelisierende Dimension anzunehmen, ein treues Abbild
des Handelns Jesu sein, der kam, damit er "den Armen eine gute
Nachricht bringe" (Lk 4, 18). Wenn das in diesem Geist geschieht,
wird dieser Dienst zu einer Bekundung der unendlichen Liebe Gottes
zu allen Menschen. So wird auf vielsagende Weise die Hoffnung auf
das Heil weitergegeben, das Christus in die Welt gebracht hat und
das besonders dann aufleuchtet, wenn es den von der Gesellschaft
Verlassenen und Ausgestoßenen gebracht wird.
Diese ständige Fürsorge für die Armen und Mittellosen
kommt in der Soziallehre der Kirche zum Ausdruck, die nicht müde
wird, die christliche Gemeinschaft einzuladen, sich für die
Überwindung jeglicher Form von Ausbeutung und Unterdrückung
einzusetzen. Denn es geht ja wircklich nicht nur darum, die schlimmsten
und dringlichsten Nöte durch individuelle und sporadische Aktivitäten
zu lindern, sondern auch darum, die Wurzel des Übels zu benennen,
indem man solche Eingriffe vorschlägt, die den sozialen, politischen
und wirtschaftlichen Strukturen eine gerechtere und solidarischere
Gestalt verleihen.
(Ecclesia in America, Nr. 18)
363. Zu den für unsere Zeit kennzeichnenden Merkmalen gehört
zweifellos die wachsende Zahl gesellschaftlicher Verflechtungen,
dieses täglich dichter werdende Netz sozialer Beziehungen zwischen
den Menschen, die ihr Leben und Wirken durch eine Fülle von
Organisationen bereichert haben, teils privatrechtlicher, teils
öffentlich-rechtlicher Art. Das hat seinen Grund in einer Mehrzahl
von zeitgeschichtlichen Umständen; zum Beispiel im wissenschaftlichen
und technischen Fortschritt, in der gesteigerten Ergiebigkeit der
Wirtschaft, in der gehobenen Lebenshaltung.
(Mater et Magistra, Nr. 59)
364. Der wissenschaftliche und technische Fortschritt hat in jüngster
Zeit die zwischenstaatlichen Beziehungen in allen Bereichen des
menschlichen Zusammenlebens verstärkt; dadurch wird die wechselseitige
Abhängigkeit der Völker immer größer.
Jedes Problem von einiger Bedeutung, stelle es sich nun auf dem
Gebiet der Wissenschaft, der Technik, der Wirtschaft und Gesellschaft,
der Politik oder der Kultur, übersteigt darum sehr oft die
Möglichkeiten eines einzelnen Landes. Es steht oft in internationalen,
ja weltweiten Zusammenhängen.
(Mater et Magistra, Nr. 200-201)

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