ARTIKEL
1:
Das Wesen Der Katholischen Soziallehre
1. Die Kirche als Mutter
und Lehrer
2. Die Mission der Kirche
3. Die soziale Botschaft der Kirche
4. Der Wirkungskreis der kirchlichen Soziallehre
5. Evangelisierung und kirchliche Soziallehre
I. DIE KIRCHE
ALS MUTTER UND LEHRER
1. Mutter und Lehrmeisterin der Völker
ist die katholische Kirche. Sie ist von Jesus Christus dazu eingesetzt,
alle, die sich im Laufe der Geschichte ihrer herzlichen Liebe anvertrauen,
zur Fülle höheren Lebens und zum Heile zu führen.
Dieser Kirche, der "Säule und Grundfeste der Wahrheit"
(vgl. 1 Tim 3, 15), hat ihr heiliger Gründer einen doppelten
Auftrag gegeben: Sie soll ihm Kinder schenken; sie soll sie lehren
und leiten. Dabei soll sie sich in mütterlicher Fürsorge
der einzelnen und der Völker annehmen in ihrem Leben, dessen
erhabene Würde sie stets hoch in Ehren hielt, über das
sie wachte und das sie beschützte.
(Mater et Magistra, Nr. 1)
2. Denn die Kirche ist es, welche
aus dem Evangelium einen Schatz von Lehren verkündet, unter
deren kräftigem Einfluß der Streit sich beilegen oder
wenigstens seine Schärfe verlieren und mildere Formen annehmen
kann; sie ist es, die den Geistern nicht bloß Belehrung bringt,
sondern auch mit Macht auf eine den christlichen Vorschriften entsprechende
Regelung der Sitten bei jedem einzelnen hinwirkt; die Kirche ist
ohne Unterlaß damit beschäftigt, die soziale Lage der
niederen Schichten durch nützliche Einrichtungen zu heben;
sie ist endlich vom Verlangen beseelt, daß die Kräfte
und Bestre-bungen aller Stände sich zur Förderung der
wahren Interessen der Arbeiter zusammentun, und hält ein Vorgehen
der staatlichen Autorität auf dem Wege der Gesetzgebung, innerhalb
der nötigen Schranken für unerläßlich, damit
der Zweck erreicht werde.
(Rerum Novarum, Nr. 16)
3. Christi Lehre verbindet ja gleichsam
Erde und Himmel; sie erfaßt den Menschen in seiner Ganzheit,
Leib und Seele, Vernunft und Willen; sie führt seinen Sinn
von den wechselvollen Gegebenheiten dieses irdischen Lebens zu den
Gefilden des ewigen. Dort soll er einmal unvergängliche Seligkeit
und Frieden genießen.
(Mater et Magistra, Nr. 2)
4. Kein Wunder also, wenn die katholische
Kirche, Christi Lehre aufgreifend und Christi Gebot erfüllend,
seit nunmehr zweitausend Jahren, von den Diensten der alten Diakone
an bis auf unsere Tage, unentwegt die Fackel der Liebe hochhält.
Sie tut es nicht nur in ihrer Lehre. Sie gibt auch das Beispiel
der Fülle ihres Tuns. Diese Liebe verbindet harmonisch in sich
das Gebot der Zuneigung, die wir zueinander haben sollen, und seine
Erfüllung. Wunderbar trägt sie in sich den doppelten Auftrag
der Kirche, zu geben: die Gabe der sozialen Lehre und die Gabe der
sozialen Tat.
(Mater et Magistra, Nr. 6)
5. Im Licht der heiligen Lehre des
II. Vatikanischen Konzils steht uns die Kirche als die Gemeinschaft
vor Augen, die für die göttliche Wahrheit verantwortlich
ist. In tiefer Ergriffenheit hören wir Christus selbst sprechen:
"Das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern
das des Vaters, der mich gesandt hat" (Joh 14, 24). Darum muß
die Kirche, wenn sie den Glauben bekennt und lehrt, strikt die göttliche
Wahrheit bekennen (Dei Verbum, Nr. 5, 10, 21) und sie in gelebte
Einstellung von "Gehorsam in Harmonie mit der Vernunft"
umsetzen (vgl. Dei Filius, Kap. 3).
(Redemptor Hominis, Nr. 19)
6. Insbesondere unterstreicht das
Konzil: "Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte
Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen
Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi
ausgeübt wird" (Dei Verbum, Nr. 10). Die Kirche ist daher
offenbart als "der Pfeiler und die Festung der Wahrheit"
(1 Tm 3, 15), was auch die Wahrheit des moralischen Handelns miteinschließt.
Tatsächlich "kommt es der Kirche zu, immer und überall
die sittlichen Grundsätze, auch in Bezug auf die soziale Ordnung,
zu verkündigen wie auch über menschliche Dinge jedweder
Art zu urteilen, soweit die Grundrechte der menschlichen Person
oder das Heil der Seelen dies erfordern" (Kodex des Kirchenrechtes,
Kanon 747, Nr. 2).
Gerade was die Fragestellungen anbelangt, die für die Diskussion
von Fragen der Moral heute kennzeichnend sind und in deren Umfeld
sich neue Tendenzen und Theorien entwickelt haben, empfindet es
das Lehramt in Treue zu Jesus Christus und in der Kontinuität
der Tradition der Kirche als sehr dringende Pflicht, sein eigenes
Urteil und seine Lehre anzubieten, um dem Menschen auf seinem Weg
zur Wahrheit und zur Freiheit behilflich zu sein.
(Veritatis Splendor, Nr. 27)

II. DIE MISSION
DER KIRCHE
7. Hervorgegangen aus der Liebe des
ewigen Vaters, in der Zeit gestiftet von Christus dem Erlöser,
geeint im Heiligen Geist, hat die Kirche das endzeitliche Heil zum
Ziel, das erst in der künftigen Weltzeit voll verwirklicht
werden kann. Sie ist aber schon hier auf Erden anwesend, gesammelt
aus Menschen, Gliedern des irdischen Gemeinwesens, die dazu berufen
sind, schon in dieser geschichtlichen Zeit der Menschheit die Familie
der Kinder Gottes zu bilden, die bis zur Ankunft des Herrn stetig
wachsen soll. Der himmlischen Güter willen geeint und von ihnen
erfüllt, ist diese Familie von Christus "in dieser Welt
als Gesellschaft verfaßt und geordnet" (vgl. Eph 1, 3;
5, 6, 13-14, 23) und "mit geeigneten Mitteln sichtbarer und
gesell-schaftlicher Einheit" ausgerüstet. So geht denn
diese Kirche, zugleich "sichtbare Versammlung und geistliche
Gemeinschaft" (LG, Nr. 8), den Weg mit der ganzen Menschheit
gemeinsam und erfährt das gleiche irdische Geschick mit der
Welt und ist gewissermaßen der Sauerteig und die Seele der
in Christus zu erneuernden und in die Familie Gottes umzugestaltenden
menschlichen Gesellschaft.
(Gaudium et Spes, Nr. 40)
8. Ihre Soziallehre vorzutragen und
zu verbreiten ist Teil des Verkündigungsauftrages der Kirche.
Und weil es sich um eine Lehre handelt, die darauf abzielt, das
Verhalten der Personen zu beein-flussen, ergibt sich daraus auch
"der Einsatz für die Gerechtigkeit" je nach Auftrag,
Berufung und Lage des einzelnen. Die Durchführung des Verkündigungsauftrages
im sozialen Bereich, der ein Aspekt der prophetischen Dimension
der Kirche ist, umfaßt auch die Offenlegung der Übel
und Ungerechtigkeiten. Doch ist die Klarstellung angebracht, daß
Verkündigung wichtiger ist als Anklage, und daß diese
nicht von jener absehen darf, da sie nur von dort ihre wahre Berechtigung
und die Kraft einer höchsten Motivation erhält.
(Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 41)
9. Wir bekennen, daß Gottes
Reich hier auf Erden in der Kirche Christi seinen Anfang nimmt und
nicht von dieser Welt ist, deren Antlizt ja vergeht, und daß
das Wachstum der Kirche nicht mit dem Fortschritt der Zivilisation,
der Wissenschaft und Technik des Menschen gleichgesetzt werden darf,
sondern daß die Kirche nur aus dem einen Grunde besteht, um
immer tiefer den unergründlichen Reichtum Christi zu erkennen,
immer zuversichtlicher auf die ewigen Güter zu hoffen, immer
besser der Liebe Gottes zu antworten und den Menschen immer freigebiger
die Güter der Gnade und Heiligkeit mitzuteilen. Ebenso ist
es die Liebe, die die Kirche bewegt, sich stets um das wahre zeitliche
Wohl der Menschen zu sorgen. Unablässig erinnert sie ihre Kinder
daran, daß ihnen hier auf Erden keine bleibende Wohnung beschieden
ist. Sie drängt sie dazu, daß jeder von ihnen, entsprechend
seiner Berufung und seinen Möglichkeiten, zum Wohle seiner
Gemeinschaft beiträgt, daß er Gerechtigkeit, Frieden
und Brüderlichkeit unter den Menschen fördert und seinen
Brüdern, vor allem den Armen und Unglücklichen, hilft
(vgl. Paul VI., Credo des Gottesvolkes, Nr. 27).
(Libertatis Nuntius, Abschluß)
10. Da es aber der Kirche anvertraut
ist, das Geheimnis Gottes, des letzten Zieles der Menschen, offenkundig
zu machen, erschließt sie dem Menschen gleichzeitig das Verständnis
seiner eigenen Existenz, das heißt die letzte Wahrheit über
den Menschen. Die Kirche weiß sehr wohl, daß Gott allein,
dem sie dient, die Antwort auf das tiefste Sehnen des menschlichen
Herzens ist, das sich nie an den Gaben der Erde voll sättigen
kann.
(Gaudium et Spes, Nr. 41)
11. Von daher empfängt die Kirche,
die mit den Gaben ihres Stifters ausgestattet ist und seine Gebote
der Liebe, der Demut und der Selbstverleugnung treulich hält,
die Sendung, das Reich Christi und Gottes anzukündigen und
in allen Völkern zu begründen. So stellt sie Keim und
Anfang dieses Reiches auf Erden dar. Während sie all-mählich
wächst, streckt sie sich verlangend aus nach dem vollendeten
Reich; mit allen Kräften hofft und sehnt sie sich danach, mit
ihrem König in Herrlichkeit vereint zu werden.
(Lumen Gentium, Nr. 5)
12. Wir wissen, daß die Kirche
nicht isoliert von der Welt existiert. Sie lebt in der Welt und
ihre Mitglieder sind ständig von der Welt beeinflußt
und geleitet. Sie nehmen ihre Kultur auf, unterliegen ihren Gesetzen
und nehmen ihre Gewohnheiten an. Dieser enge Kontakt mit der Welt
schafft der Kirche ständig Probleme, und in dieser Zeit sind
diese Probleme ausgesprochen akut.
Das christliche Leben, so wie es von der Kirche unterstützt
und beibehalten wird, muß jeglicher Quelle der Irreführung,
Kontaminierung oder Einschränkung seiner Freiheit widerstehen.
Sie muß sich gegen diese Dinge schützen, wie sie sich
gegen Kontaminierung aus Fehlern oder Bösem schützen würde.
Und doch muß sie sich gleichzeitig nicht nur an die Denk-und
Lebensweisen anpassen, die die weltliche Umgebung hervorbringt,
man müßte fast sagen, aufzwängt-vorausgesetzt natürlich,
daß diese Formen nicht unvereinbar sind mit den Grundprinzipien
ihrer religiösen und moralischen Lehre-sie muß auch anstreben,
sich diesen Formen zu nähern, sie zu korrigieren, zu veredeln,
zu ermutigen und sie zu heiligen.
(Ecclesiam Suam, Nr. 42)
13. Die Kirche bietet den Menschen
das Evangelium an, ein prophetisches Dokument, das Antworten gibt
auf die Fragen und Anliegen des Menschenherzens und immer "gute
Nachricht" ist. Die Kirche kann nicht davon Abstand nehmen
zu verkünden, daß Jesus gekommen ist, um das Antlitz
Gottes zu offenbaren und durch Kreuz und Auferstehung für alle
Menschen das Heil zu verdienen.
(Redemptoris Missio, Nr. 11)
14. Alle menschliche Dinge betreffen
uns. Wir teilen mit der ganzen menschlichen Rasse eine gemeinsame
Natur, ein gemeinsames Leben mit all seinen Gaben und Problemen.
Wir sind bereit, unsere Rolle in dieser ursprünglichen und
universellen Gesellschaft zu übernehmen, die insistente Forderung
nach Grundbedürfnissen anzuerkennen und die neuen und häufig
sublimen Ausdrücke des Erfindungsreichtums zu begrüßen.
Es bestehen aber moralische Werte höchster Wichtigkeit, die
wir zu vertreten haben. Diese sind jedem zum Vorteil. Wir verwurzeln
diese fest im Bewußtsein der Menschen. Wo immer Menschen danach
streben, sich selbst und die Welt zu verstehen, sind wir in der
Lage, mit ihnen zu kommunizieren.
(Ecclesiam Suam, Nr. 97)

III. DIE SOZIALE
BOTSCHAFT DER KIRCHE
15. Die soziale Sorge der Kirche
mit dem Ziel einer wahren Entwicklung des Menschen und der Gesellschaft,
welche die menschliche Person in allen ihren Dimensionen achten
und fördern soll, hat sich stets in verschiedenster Weise bekundet.
Eine der bevorzugten Formen, hierzu beizutragen, war in letzter
Zeit das Lehramt der römischen Päpste. Ausgehend von der
Enzyklika Rerum Novarum von Leo XIII. als bleibendem Bezugspunkt
hat es diesen Problemkreis immer wieder behandelt, wobei es einige
Male die Veröffentlichungen der verschiedenen sozialen Dokumente
mit dem Jahresgedenken dieses ersten Dokumentes zusammenfallen ließ.
Dabei haben es die Päpste nicht versäumt, in solchen Stellungnahmen
auch neue Aspekte der Soziallehre der Kirche zu behandeln. So hat
sich, angefangen mit dem hervorragenden Beitrag Leos XIII. und durch
die folgenden Beiträge des Lehramtes bereichert, nunmehr ein
zeitgemäßes Lehrgebäude gebildet, das sich in dem
Maße entwickelt, wie die Kirche aus der Fülle der von
Jesus Christus offenbarten Wahrheit (vgl. Dei Verbum, Nr. 4) und
mit dem Beistand des Heiligen Geistes (vgl. Joh 14, 16, 26; 16,
13-15) die Ereignisse deutet, die sich im Verlauf der Geschichte
zutragen. Sie sucht auf diese Weise die Menschen dahinzuführen,
daß sie auch mit Hilfe rationaler Reflexion und wissenschaftlicher
Erkenntnis, ihrer Berufung als verantwortliche Gestalter des gesellschaftlichen
Lebens auf dieser Erde entsprechen.
(Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 1)
16. In unserer augenblicklichen aufgewühlten
und unsicheren Zeit hat die Kirche eine besondere Botschaft zu verkünden
und den Bemühungen der Menschen, die ihre Zukunft in die Hand
nehmen wollen und sich zu orientieren suchen, einen festen Halt
zu geben. Seit der Zeit, in der die Enzyklika Rerum Novarum in lebendiger
und eindringlicher Weise die unerträgliche Situation der Arbeiter
in der werdenden Industriegesellschaft aufzeigte, wurde sich die
geschichtliche Entwicklung, wie die Enzykliken Quadragesimo Anno
und Mater et Magistra feststellten, anderer Auswirkungen und Ausmaße
in der sozialen Frage bewußt. Das letzte Konzil hat sich seinerseits
dafür eingesetzt, diese Fragen zu behandeln, besonders in der
Pastoral-konstitution Gaudium et Spes. Wir selbst haben schon durch
Unsere Enzyklika Populorum Progressio auf diese richtungweisenden
Normen hingewiesen: "Die große Tatsache-sagten Wir-deren
sich jeder heute bewußt werden muß, besteht darin, daß
die soziale Frage weltweit geworden ist" (PP, Nr. 3). Ein erneutes
Bewußtsein der Forderungen des Evangeliums macht es der Kirche
zur Pflicht, sich in den Dienst der Menschen zu stellen, um ihnen
behilflich zu sein, das ganze Ausmaß dieses schweren Problems
zu begreifen und sie zu überzeugen, sich in diesem Wendepunkt
der Menschheits-geschichte dringlich zu vereintem Handeln zusammenzuschließen.
(Octogesima Adveniens, Nr. 5)
17. "Die christliche Offenbarung
... führt ... zu einem tieferen Verständnis der Gesetze
des gesellschaftlichen Lebens" (GS, Nr. 23). Die Kirche erhält
durch das Evangelium die volle Offenbarung der Wahrheit über
den Menschen. Wenn sie ihren Auftrag, das Evangelium zu verkünden,
erfüllt, bescheinigt sie dem Menschen im Namen Christi seine
Würde und seine Berufung zu persönlicher Gemeinschaft;
sie lehrt ihn die Forderungen der Gerechtigkeit und der Liebe, die
der göttlichen Weisheit entsprechen.
(KKK, Nr. 2419)
18. Die Soziallehre der Kirche ist
eine in erster Linie an ihre Mitglieder gerichtete Zusammenfassung
von Reflexionsprinzipien, Urteilskriterien sowie Richtlinien für
das konkrete Handeln. Es ist wichtig, daß die für die
Entwicklung des Menschen arbeitenden Gläubigen eingehende Kenntnisse
dieses wertvollen Lehrgebäudes haben und es als Bestandteil
ihres Auftrages zur Evangelisierung betrachten.... Christliche Leiter
im kirchlichen wie im gesell-schaftlichen Bereich, insbesondere
die für das öffentliche Leben verantwortlichen Laien,
müssen mit dieser Lehre fest vertraut sein, um die bürgerliche
Gesellschaft und ihre Strukturen mit dem Sauerteig des Evangeliums
zu inspirieren und zu beleben.
(Ecclesia in Asia, Nr. 32)
19. Eine theologische Schulung der
Laien erweist sich heute nicht nur aufgrund der Dynamik ihrer Glaubensvertiefung,
sondern auch aufgrund der Forderung, vor der Welt und ihren schweren
und komplexen Problemen die "Hoffnung, die in ihnen ist, zu
bezeugen," als immer notwendiger.... Vor allem für die
Laien, die auf vielfältige Weise in der Politik und im sozialen
Bereich engagiert sind, ist eine tiefere Kenntnis der Soziallehre
der Kirche unerläßlich. Die Synoden-väter haben
wiederholt in ihren Interventionen diese Bitte ausgesprochen.
(Christifideles Laici, Nr. 60)
20. Treu der Weisung und dem Beispiel
ihres göttlichen Stifters, der die Verkündigung der Frohbotschaft
an die Armen als Zeichen für seine Sendung hingestellt hat
(vgl. Lk 7, 22), hat sich die Kirche immer bemüht, die Völker,
denen sie den Glauben an Christus brachte, zur menschlichen Entfaltung
zu führen.
(Populorum Progressio, Nr. 12)
21. Die Kirche teilt mit den Menschen
unserer Zeit diesen tiefen, brennenden Wunsch nach einem in jeder
Hinsicht gerechten Leben und versäumt es nicht, die verschiedenen
Aspekte der Gerechtigkeit, wie sie das Leben der Menschen und der
Gesellschaftsgruppen fordert, zu durchdenken. Das bestätigt
der Bereich der katholischen Soziallehre, die sich im Lauf der letzten
hundert Jahre machtvoll entwickelt hat. Nach den Prinzipien dieser
Lehre richten sich sowohl die Erziehung und die Bildung des menschlichen
Gewissens im Geist der Gerechtigkeit als auch die einzelnen Initiativen,
insbesondere auf dem Gebiet des Laienapostolats, die sich ebenfalls
in diesem Geist entfalten.
(Dives in Misericordia, Nr. 12)
22. Wenn, wie Wir sagten, die Kirche
den Willen Gottes in Bezug auf sie selbst verwircklicht, wird sie
für sich selbst eine große Menge an Energie gewinnen
und zusätzlich das Bedürfnis ersinnen, diese Energie im
Dienste aller Menschen auszugießen. Sie wird ein klares Bewußtsein
der göttlichen Mission haben, einer Botschaft, die überall
verbreitet werden muß. Hier liegt die Quelle unserer Aufgabe
zur Evangelisierung, unser Mandat, alle Nationen zu lehren und unsere
apostolische Suche für die ewige Rettung aller Menschen anzustreben.
(Ecclesiam Suam, Nr. 64)
23. Es gibt sicherlich nicht nur
ein einziges Modell politischer und wirtschaftlicher Organisation
der menschlichen Freiheit, da ja verschiedene Kulturen und unterschiedliche
geschichtliche Erfahr-ungen in einer freien und verantwortlichen
Gesellschaft verschiedene institutionelle Formen hervorbringen.
(Ansprache zur Fünfzigsten Generalversammlung der UNO, 1995,
Nr. 3)
24. Die Soziallehre enthält
zudem eine wichtige interdisziplinäre Dimension. Um in verschiedenen
und sich ständig verändernden sozialen, wirtschaftlichen
und politischen Bereichen die eine Wahrheit über den Menschen
besser zur Geltung zu bringen, tritt diese Lehre mit den verschiedenen
Disziplinen, die sich mit dem Menschen befassen, in einen Dialog
ein, integriert ihre Beiträge und hilft ihnen, in einem breiteren
Horizont dem Dienst am einzelnen, in seiner vollen Berufung erkannten
und geliebten Menschen zu öffnen. Neben der interdisziplinären
Dimension muß sodann die praktische und in gewissem Sinne
experimentelle Dimension dieser Lehre erwähnt werden. Sie liegt
im Schnittpunkt des christlichen Lebens und Bewußtseins mit
den Situationen der Welt und findet ihren Ausdruck in den Anstrengungen,
die Individuen, Familien, im Kultur- und Sozialbereich Tätige,
Politiker und Staatsmänner unternehmen, um dem christlichen
Leben Gestalt und Anwendung in der Geschichte zu verleihen.
(Centesimus Annus, Nr. 59)

IV. DER WIRKUNGSKREIS
DER KIRCHLICHEN SOZIALLEHRE
25. Die Kirche hat keine eigenen
Modelle vorzulegen. Die kon-kreten und erfolgreichen Modelle können
nur im Rahmen der jeweils verschiedenen historischen Situationen
durch das Bemühen aller Verantwortlichen gefunden werden, die
sich den konkreten Problemen in allen ihren eng miteinander verflochtenen
gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen
Aspekten stellen (vgl. GS, Nr. 36; Octogesima Adveniens, Nr. 2-5).
Diesem Bemühen bietet die Kirche als unerläßliche
geistige Orientierung ihre Soziallehre an, die-wie schon gesagt-die
positive Bedeutung des Marktes und des Unternehmens anerkennt, aber
gleichzeitig darauf hinweist, daß beide unbedingt auf das
Gemeinwohl ausgerichtet sein müssen.
(Centesimus Annus, Nr. 43)
26. Die Soziallehre der Kirche besteht
aus einem Lehrgefüge, das sich dadurch bildet, daß die
Kirche die geschichtlichen Ereignisse unter dem Beistand des Heiligen
Geistes im Lichte der gesamten Offenbarung Chisti deutet (SRS, Nr.
1). Diese Lehre wird für Mens-chen guten Willens umso annehmbarer,
je stärker sich die Gläubigen in ihrem Verhalten von ihr
bestimmen lassen.
(KKK, Nr. 2422)
27. Bei der Anwendung dieser Grundsätze können nun manchmal
auch unter Katholiken, selbst wenn sie ehrlichen Willens sind, Meinungsverschiedenheiten
aufkommen. In einem solchen Fall müssen sie die gegenseitige
Achtung und Ehrerbietung in Wort und Tat zu wahren trachten. Auch
müssen sie überlegen, wie sie gemeinsam zusammenarbeiten
können. So können sie in gebotener Zeit das erfüllen,
was die Notwendigkeit erfordert hat. Sie sollen sich geflissentlich
davor hüten, ihre Kräfte in ständigen Diskussionen
zu verbrauchen und unter dem Schein, das Beste zu suchen, das zu
unterlassen, was sie verwirklichen können und darum auch verwirk-lichen
sollen.
(Mater et Magistra, Nr. 238)
28. Die Kirche legt weder eine eigene
Philosophie vor noch gibt sie irgendeiner besonderen Philosophie
auf Kosten der anderen den Vorzug. Der tiefere Grund für diese
Zurückhaltung liegt darin, daß die Philosophie auch dann,
wenn sie mit der Theologie in Beziehung tritt, nach ihren eigenen
Regeln und Methoden vorgehen muß; andernfalls gäbe es
keine Gewähr dafür, daß sie auf die Wahrheit ausgerichtet
bleibt und mit einem von der Vernunft her überprüfbaren
Prozeß nach ihr strebt. Eine Philosophie, die nicht im Lichte
der Vernunft nach eigenen Prinzipien und den für sie spezifischen
Methoden vorginge, wäre wenig hilfreich. Im Grunde genommen
ist der Ursprung der Autonomie, deren sich die Philosophie erfreut,
daran zu erkennen, daß die Vernunft ihrem Wesen nach auf die
Wahrheit hin orientiert und zudem in sich selbst mit den für
deren Erreichung notwendigen Mitteln ausgestattet ist. Eine Philosophie,
die sich dieser ihrer "Verfassung" bewußt ist, muß
auch die Forderungen und Ein-sichten der geoffenbarten Wahrheit
respektieren.
(Fides et Ratio, Nr. 49)
29. Die Soziallehre der Kirche entwickelte sich im 19. Jahrhundert,
veranlaßt durch die Konfrontation des Evangeliums mit der
modernen Industriegesellschaft, ihren neuen Strukturen zur Herstellung
von Verbrauchsgütern, ihrer neuen Auffassung von der Gesellschaft,
dem Staat und der Autorität und ihren neuen Arbeits- und Eigentums-formen.
Die Entwicklung der Wirtschafts- und Soziallehre der Kirche bezeugt
den bleibenden Wert der kirchlichen Lehrtätigkeit sowie den
wahren Sinn ihrer stets lebendigen und wirksamen Überlieferung
(vgl. CA, Nr. 3).
(KKK, Nr. 2421)
30. Die kirchliche Soziallehre ist
kein "dritter Weg" zwischen liberalistischem Kapitalismus
und marxistischem Kollektivismus und auch keine mögliche Alternative
zu anderen, weniger weit vonein-ander entfernten Lösungen:
Sie ist vielmehr etwas Eigenständiges. Sie ist auch keine Ideologie,
sondern die genaue Formulierung der Ergebnisse einer sorgfältigen
Reflexion über die komplexen Wirklichkeiten menschlicher Existenz
in der Gesellschaft und auf internationaler Ebene, und dies im Licht
des Glaubens und der kirchlichen Überlieferung. Ihr Hauptziel
ist es, solche Wirklichkeiten zu deuten, wobei sie prüft, ob
diese mit den Grundlinien der Lehre des Evangeliums über den
Menschen und seine irdische und zugleich transzendente Berufung
übereinstimmen oder nicht, um daraufhin dem Verhalten der Christen
eine Orientierung zu geben. Sie gehört daher nicht in den Bereich
der Ideologie, sondern der Theologie, insbesondere der Moraltheologie.
(Sollicitudo Rei Socialis, Nr. 41)
31. Gewiß wurde der Kirche
nicht die Aufgabe gegeben, die Menschen zu einem vergänglichen
und hinfälligen Glück zu führen, sondern zur ewigen
Glückseligkeit. Ja, "die Kirche würde es sich als
einen Übergriff anrechnen, sich grundlos in diese irdischen
Angelegenheiten einzumischen" (Ubi Arcano Dei Consilio, Nr.
65). Aber in keiner Weise kann die Kirche auf die ihr von Gott übertragene
Pflicht verzichten, ihre Autorität geltend zu machen, freilich
nicht in Fragen technischer Art, wofür sie weder über
die geeigneten Mittel verfügt noch eine Sendung erhalten hat,
wohl aber in allem, was sich auf das Sittengesetz bezieht. Der Uns
von Gott anvertraute Schatz von Wahrheit und die schwere Pflicht,
das Sittengesetz in seinem ganzen Umfang zu verkünden und zu
erklären und, ob erwünscht oder unerwünscht, auf
seine Befolgung zu dringen, stellen unter Unsere oberste Jurisdiktion
und unterwerfen ihr nicht nur die Gesellschaftsordnung, sondern
auch die wirtschaftlichen Aktivitäten selber.
(Quadragesimo Anno, Nr. 41)
32. Die heutige Soziallehre hat besonders
den Menschen im Auge, insofern er in das komplizierte Beziehungsgeflecht
der modernen Gesellschaften eingebunden ist. Die Humanwissenschaften
und die Philosophie dienen dazu, die zentrale Stellung des Menschen
in der Gesellschaft zu deuten und ihn in die Lage zu versetzen,
sich selbst als soziales Wesen besser zu begreifen. Allein der Glaube
enthüllt ihm voll seine wahre Identität. Von dieser Identität
geht die Soziallehre der Kirche aus.
(Centesimus Annus, Nr. 54)

V. EVANGELISIERUNG
UND KIRCHLICHE SOZIALLEHRE
33. Die "Neuevangelisierung",
die die moderne Welt dringend nötig hat und auf der ich wiederholt
insistiert habe, muß zu ihren wesentlichen Bestandteilen die
Verkündigung der Soziallehre der Kirche zählen. Diese
Lehre, ist so wie zur Zeit Leos XIII. geeignet, den Weg zu weisen,
um auf die großen Herausforderungen der Gegenwart nach der
Krise der Ideologien Antwort zu geben. Man muß, wie damals,
wiederholen, daß es keine echte Lösung der "sozialen
Frage" außerhalb des Evangeliums gibt und daß das
"Neue" in diesem Evangelium seinen Raum der Wahrheit und
der sittlichen Grundlegung findet.
(Centesimus Annus, Nr. 5)
34. Was hier-wie in jedem Bereich
des christlichen Lebens-zählt, ist das Vertrauen, das aus dem
Glauben kommt, aus der Über-zeugung also, daß nicht wir
die Hauptpersonen der Mission sind, sondern Jesus Christus und sein
Geist. Wir sind nur Mitarbeiter; und wenn wir alles getan haben,
was uns möglich ist, müssen wir sagen: "Wir sind
unnütze Diener. Wir haben getan, was zu uns aufgetragen war"
(Lk 17, 10).
(Redemptoris Missio, Nr. 36)
35. Mit dem Vorschlag, die Enzyklika
Leos XIII. "wiederzulesen", lade ich zugleich ein, "zurückzublicken"
auf ihren Text selbst, um den Reichtum der grundlegenden Prinzipien
wiederzuentdecken, die für die Lösung der Arbeiterfrage
ausgesprochen wurden.... Durch diese "neue Begegnung"
soll nicht nur der bleibende Wert dieser Lehre bekräftigt werden,
sondern es soll auch der wahre Sinn der Überlieferung der Kirche
offenbar werden. Einer stets lebendigen und schöpferischen
Kirche, die aufbaut auf dem von unseren Vätern im Glauben gelegten
Grund und vor allem auf jenem Grund, den im Namen Jesu Christi "die
Apostel an die Kirche weitergegeben haben" (vgl. Irenäus,
Adversus Haereses, I, 10), dem Grund, den niemand anderer legen
kann (vgl. 1 Kor 3, 11).
(Centesimus Annus, Nr. 3)
36. Die Verkündigung des Evangeliums
ist für die Kirche nicht etwa ein Werk, das in ihrem Belieben
stünde. Es ist ihre Pflicht, die ihr durch den Auftrag des
Herrn Jesus Christus obliegt, damit die Menschen glauben und gerettet
werden können. In der Tat, diese Botschaft ist notwendig. Sie
ist einzigartig. Sie kann nicht ersetzt werden.
(Evangelii Nuntiandi, Nr. 5)
37. Wir sind gesandt. Im Dienst des
Lebens zu stehen, ist für uns nicht Prahlerei, sondern eine
Verpflichtung, die aus dem Bewußtsein entsteht, "ein
Volk" zu sein, "das Gottes besonderes Eigentum wurde,
damit es seine großen Taten verkünde" (1 Petr 2,
9). Auf unserem Weg führt und trägt uns das Gesetz der
Liebe: es ist die Liebe, deren Quelle und Vorbild der menschgewordene
Gottessohn ist, der "durch seinen Tod der Welt das Leben geschenkt
hat" (vgl. Römisches Missale, Gebet vor der Kommunion).
Wir sind als Volk gesandt. Die Verpflichtung zum Dienst am Leben
lastet auf allen und auf jedem einzelnen. Es handelt sich um eine
"kirchliche" Verantwortlichkeit im eigentlichen Sinn,
die das aufein-ander abgestimmte hochherzige Handeln aller Mitglieder
und aller Gruppierungen der christlichen Gemeinde erfordert. Die
gemein-schaftliche Aufgabe hebt jedoch die Verantwortung des einzelnen
Menschen, an den das Gebot des Herrn, für jeden Menschen "zum
Nächsten zu werden", gerichtet ist: "Dann geh und
handle genauso!" (Lk 10, 37), weder auf noch verringert sie
diese.
(Evangelium Vitae, Nr. 79)
38. Wir spüren alle miteinander
die Verpflichtung, das Evangelium vom Leben zu verkünden, es
in der Liturgie und in unserem gesamten Dasein zu feiern, ihm mit
verschiedenen Initiativen und Strukturen zu dienen, die seine Unterstützung
und Förderung zum Ziele haben.
(Evangelium Vitae, Nr. 79)

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